Hintergründe des Netzwerks Friedensbildung NRW

Seit 2008 besteht eine Kooperationsvereinbarung zwischen Bundeswehr und Schulministerium in Nordrhein-Westfalen. Diese Vereinbarung wurde 2012 geändert, um auch kontroverse und alternative Positionen zur Bundeswehr darzustellen.

Hier heißt es jetzt: „Jugendoffiziere der Bundeswehr können, wie auch Vertreterinnen und Vertreter anderer Institutionen und Organisationen der Friedensbewegung, im Rahmen von schulischen Veranstaltungen Schülerinnen und Schüler über die zur Friedenssicherung möglichen Instrumente der Politik und die Aufgabenstellung der Bundeswehr informieren.“

Dennoch bleibt Kritik an der Einbindung der Bundeswehr in die Schule im Allgemeinen und im Besonderen daran, dass ein angebliches Gleichgewicht von Bundeswehr und Friedensbewegung ein tatsächliches Ungleichgewicht verschleiert.

Um Vertreter_innen der Friedensbewegung den Zugang doch zu erleichtern, hat das Ministerium einen Erlass u.a. zur Kostenerstattung herausgegeben.

Studie zur Friedensbildung

Der Bund für Soziale Verteidigung bietet allen LehramtsausbilderInnen und LehramtsanwärterInnen bei der Friedensbildung seine Unterstützung an: Wir haben eine Studie erstellt, die diese Friedensbildung genauer untersucht. Diese Untersuchung kann als Print-Version zum Preis von 5 Euro im BSV-Onlineshop bestellt oder als Online-Version hier heruntergeladen werden.

Frieden will gelernt sein

Titelbeitrag aus "Schule NRW 03-14" von Kai-Uwe Dosch und Bernhard Laß

Die Debatte um eine angemessene Bearbeitung der Frage von Krieg und Frieden im Unterricht oder auch in außerunterrichtlichen Projekten an den Schulen beschäftigt nach wie vor viele Menschen. Aktuelle Anlässe hierzu sind nicht zuletzt der Wegfall der Wehrpflicht und die damit veränderte Werbestrategie der Bundeswehr und anderer Armeen, die veränderte sicherheitspolitische Lage in der Welt, die vermehrten Auslandseinsätze sowie die Veränderungen im Berufsbild von Soldatinnen und Soldaten, die heute alle damit rechnen müssen, auch tatsächlich im Kampf eingesetzt zu werden.

Dies alles fordert junge Menschen heraus, sich mit der Frage zu befassen, wie unsere Gesellschaft und die Weltgemeinschaft friedlicher gestaltet werden können.

In der nordrhein-westfälischen Landesverfassung in Artikel 7, Absatz 2 bzw. im Schulgesetz in Paragraph 2, Absatz 2 heißt es: „Die Jugend soll erzogen werden im Geiste der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit, zur Duldsamkeit und zur Achtung vor der Überzeugung des anderen [...], zur Völkergemeinschaft und Friedensgesinnung.“ Genau das ist es, was unter dem Begriff „Friedensbildung“ verstanden und gefördert werden soll.

Der pädagogische Anspruch der Friedensbildung hat sich in den letzten Jahren entwickelt und hat den ursprünglichen Ansatz der Friedenserziehung zu einem Anliegen der politischen Bildung weiterentwickelt. Denn Friedenserhaltung und Völkerverständigung sind politische Anliegen im engsten Sinne und beruhen sowohl im Nah- als auch im Fernbereich auf den zentralen Grundwerten, nämlich Menschenwürde und Demokratie, Toleranz und Respekt.

Friedensbildung ist kein romantisches Anliegen. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Beschäftigung mit der Struktur von Konflikten. Wenn Schülerinnen und Schüler lernen sollen, persönliche oder gesellschaftliche Konflikte gewaltlos auszutragen, müssen sie sich auch mit dem Widerspruch der gewaltsamen Austragung von staatlichen Konflikten befassen.

Friedensbildung mit Kirchen, Gewerkschaften und der Friedensbewegung

Um dem hohen Anspruch des Schulgesetzes zu genügen, der Entstehung und Ausbreitung von Konflikten entgegenzuwirken, junge Menschen in ihrer Gewissensbildung zu unterstützen und sie zu befähigen, auch komplizierte Sachverhalte rund um das Thema Krieg und Frieden zu beschreiben und zu bewerten, wollen die für Friedensbildung engagierten gemeinwohlorientierten Organisationen die Schulen unterstützen.

Die Verbände, die diese Friedensbildung an den Schulen fordern und fördern, sehen ihre Arbeitsfelder in der Vermittlung von Referentinnen und Referenten, in der Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften sowie der Erstellung von Unterrichtsmaterialien. Zu diesen Verbänden gehören vor allem Einrichtungen aus den Kirchen, den Gewerkschaften und der Friedensbewegung.

In Nordrhein-Westfalen besteht ein landesweites Netzwerk (www.friedensbildung-nrw.de), das die Schulen einlädt, seine Angebote zur Information, Kontaktaufnahme und Vermittlung zu nutzen. Darüber hinaus gibt es auch ein bundesweites Projekt (www.friedensbildung-schule.de). Neben einigen wenigen hauptamtlichen Akteuren sind auch sehr viele Menschen ehrenamtlich tätig, die gerne mit Schulen zusammenarbeiten. Sie alle pflegen Kontakte zu Schulen und anderen Bildungseinrichtungen, um ihre Angebote zu verbreiten. Sie suchen und unterhalten Kontakte zu den Bildungsministerien und zu den Parlamenten, um die Präsenz des Themas in Lehrplänen und Lehreraus- und -fortbildung aktiv zu stärken.

Beutelsbacher Konsens

Beim Umgang mit Konflikten geht es in der Politik ebenso wie in der Pädagogik nicht nur um Verhaltensweisen, sondern auch um Ziele und Werte. Friedensbildung ist eigentlich eine friedenspolitische Bildung und somit politische Bildung, die Frieden als ihren Inhalt und als ihr Ziel besonders betont und dabei auch Partei ergreift. Frieden als Ziel von Bildung heißt, den Schülerinnen und Schülern die Ideen und Möglichkeiten der zivilen Bearbeitung von Konflikten aufzuzeigen und mit ihnen über Analyse, Vorbeugung und Beseitigung von Kriegsursachen zu diskutieren.

Gerade in ihrer Parteilichkeit ist Friedensbildung selbst politisch und umso mehr bestrebt, den für die politische Bildung so bedeutsamen Beutelsbacher Konsens zu leben. Wer sich mit Friedensbildung befasst, muss mit Widerständen, Kritik und zum Teil auch emotional belastenden Fragen rechnen.

Frieden als Inhalt von Bildung bedeutet daher nicht nur, die Auswirkungen von Krieg und Rüstung, nämlich die Vernichtung von Leben, Lebensraum, Infrastrukturen u. a. durch den Verbrauch wertvoller Ressourcen zu erkennen und den dadurch verstärkten Mangel für die Lösung der drängenden Probleme wie Hunger, Ungerechtigkeit und Umweltbedrohung darzustellen. Auch die kritische Auseinandersetzung mit dem erweiterten Begriff von Sicherheit, mit dem reale und fiktive Bedrohungsszenarien von Staaten und Gesellschaften benannt und militärische Maßnahmen gerechtfertigt werden, gehört zum Inhalt von Friedensbildung, auch und gerade in offener Debatte mit denjenigen, die militärische Maßnahmen für angemessen erachten.

Friedensbildung als eigener Ansatz der politischen Bildung möchte zu einer Weltsicht beitragen, die die Lösung der Probleme der Menschen in den Mittelpunkt stellt und nicht in erster Linie von einer so genannten “Sicherheit“ des Einzelnen, seiner Gesellschaft oder seines Staates her denkt.

Friedensbildung widerspricht einer Ablösung des Friedensbegriffs durch den Sicherheitsbegriff und tritt dafür ein, dass Sicherheit ohne Frieden nicht zu haben ist. Um dies zu verstehen, ist es jedoch erforderlich, die ökonomischen, ökologischen, sozialen, religiösen und weltanschaulichen Ursachen und Erscheinungsformen von Konflikten zu analysieren und dabei immer wieder das Kriterium der Demokratie und der Menschenrechte in den Vordergrund zu stellen.

Die neue Kooperationsvereinbarung der Landesregierung NRW mit der Bundeswehr ermöglicht nicht nur, sondern fordert geradezu, dass auch Organisationen der Friedensbewegung und deren Referentinnen und Referenten für Friedenserziehung in die Schulen eingeladen werden. Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat erstmals im Jahr 2011 für die hauptsächlich ehrenamtlichen Organisationen daher finanzielle Mittel bereitgestellt, die von den Schulen dafür genutzt werden sollen.